Kita-Kinder essen Giftpilze: Experte kritisiert Personal

17. August 2017 von
Kita-Kinder naschten in Stederdorf jüngst von Kartoffelbovisten, die sie auf dem Außengelände der Einrichtung entdeckt hatten. Foto: Pixabay
Stederdorf. In einer Kindertagesstätte aßen zwei zweijährige Kinder jüngst giftige Pilze, die sie auf dem Außengelände gefunden hatten. Daraufhin hätten die Erzieherinnen sämtliche Eltern verständigt und diese gebeten, ihre Kinder abzuholen. Ein Experte meldete sich daraufhin bei regionalHeute.de und kritisierte dieses Vorgehen.

Bei den Pilzen soll es sich um Kartoffelbovisten handeln. Deren Verzehr kann unter anderem zu Übelkeit, Schwindel und Erbrechen führen.

Den Eltern seien, als sie ihre Kinder abholten, Kontaktdaten von Pilzsachverständigen und Proben der betreffenden Pilze mit auf den Weg gegeben worden. Eine Mutter hätte sich an einen Pilzsachverständigen und an die Giftnotrufzentrale gewandt. Dort sei empfohlen worden, vorsorglich einen Arzt zu kontaktieren. Das geht aus übereinstimmenden Medienberichten hervor. René K. Schumacher, ebenfalls Mykologe (Pilzexperte) & Notfalldiagnostiker, ist mit dem Vorgehen der Erzieherinnen nicht einverstanden. Mit seinen 40 Jahren Berufserfahrung bringt er international und national seine Erfahrung ein, um der Bevölkerung Hilfestellungen auf diesem Gebiet zu geben.

„Unfälle am Montagvormittag schließen darauf, dass die Freifläche der Einrichtung nicht oder nur ungenügend auf Pilze abgesucht wurde. Die Pilze sind vollständig zu entfernen und sicher zu entsorgen. Ist der Hausmeister nicht verfügbar, so ist diese Aufgabe vom Betreuungspersonal vor dem Betreten der Fläche durch die Kinder zu übernehmen“, rät er. Somit werde klar, dass nicht die eigentlich Betroffenen, also die Kinder, in den Vordergrund gestellt würden, „sondern rein zivil- und arbeitsrechtlich basierte Erwägungen.“

Weiter gibt Schumacher zu bedenken: „Kommt es zu Zwischenfällen der Gefährdung von Leib und Leben der Schutzbefohlenen, auch alle Verdachtsfälle zählen dazu, dann handelt es sich hier um einen Notfall. Die Einrichtung hätte in diesem konkreten Fall den direkten Weg zu einem Krankenhaus suchen müssen. Hier entweder über die Rufnummer 112 des Rettungsdienstes oder über ein Krankenhaus, welche eine Kinderstation oder/und Intensivstation vorhält.“

„Alle Giftnotrufzentralen sind nicht für Pilzvergiftungen zuständig“

Tatsächlich sei „aber genau der entgegengesetzte Weg beschritten und „unbeteiligte Dritte“, nämlich ambulante Kinderärzte und das Giftinformationszentrum-Nord (GIZ), eingebunden worden. „Zudem wurde die Fürsorgepflicht unzulässigerweise an die Eltern delegiert und ihnen auferlegt, die Kinder doch selbst einem Kinderarzt vorzustellen“, so Schumacher. „In einer, zu diesem Zeitpunkt völlig unklaren Lage, sind die Erziehungsberechtigten verständlicherweise oft hoch erregt und nicht in der Lage, ein Fahrzeug sicher zu führen. Ein weiteres Gefährdungspotential käme hinzu“, erklärt er. Eine ambulante Kinderarztpraxis sei in Notfällen nicht der richtige Ansprechpartner, da hier nur begrenzte Behandlungszeiten und eine eingeschränkte Diagnostik und Behandlung möglich seien. Kinderarztpraxen übernähmen meist die Nachsorge.

Außerdem betont Schumacher; „Alle Giftnotrufzentralen sind nicht für Pilzvergiftungen zuständig, dies wäre fachlich, rechtlich, personell und finanziell nicht absicherbar – und ist daher vom Gesetzgeber nicht vorgesehen.“ Deshalb sei den Bürgern bei Pilzvergiftungen empfohlen, immer den Notruf 112, nicht aber den Giftnotruf, zu wählen oder sich zu einem Krankenhaus fahren zu lassen. „Jeder Zeit- und Informationsverlust gefährdet die Gesundheit der Betroffenen.“ Ob der Notfall dann auch medizinisch bestätigt werden kann, entscheide zeitlich nachgelagert allein der diagnostizierende Arzt. „Nicht aber, wie in diesem Fall, das GIZ Nord per Telefon.“

Mykologen können dabei helfen, die Diagnose zu stellen

Weiter schreibt der Pilzsachverständige: „Der behandelnde Arzt im Krankenhaus stellt die Diagnose und leitet eine notwendige Therapie ein. Je nach Umständen, kann er sich einer Zweitmeinung eines Kollegen bedienen oder aber eine Verlegung in ein spezialisiertes Krankenhaus veranlassen.“ Krankenhäuser hätten auch die Möglichkeit, sich Pilzexperten (Mykologen) ins Boot zu holen, die in Notfällen parallel zur medizinischen und labortechnischen Diagnose eine mykologische Einschätzung abgeben können. „Die Krankenhäuser sind gehalten, sich Mykologen zu suchen, diese nach ihren Kriterien auf Herz und Nieren zu prüfen und auszuwählen sowie möglichst langfristig zu binden“, so Schumacher.

Die Stadt stellte gegenüber der Peiner Allgemeinen Zeitung (PAZ) klar, dass keines der Kinder Vergiftungssymptome gezeigt hätte, und dass, sofern keine akute Lebensgefahr herrsche, die Erziehungsberechtigten immer die ersten Ansprechpartner für die Kita-Einrichtungen seien. Medizinische Behandlungsmaßnahmen müssen, wenn keine Lebensgefahr im Verzug ist, von den Erziehungsberichtigten abgesegnet werden. Das Kita-Personal habe korrekt gehandelt.

Man bemühe sich im übrigen, die Außenbereiche von Kitas stets frei von Zigarettenkippen, Scherben und giftigen Gewächsen zu halten.

Der Mykologe hält ein Informationsblatt für Kinder- und Jugendeinrichtungen vor, welches unter Telefon 03361 / 306062 kostenlos angefordert werden kann. Weitere Informationen auch unter: Landkreis Oder-Spree .

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