Neue Ergebnisse der Peiner Stadtkernarchäologie

27. November 2019
Im Bereich für eine spätere Rigole wurde in erstmals der alte nördliche Einfriedungsgraben der Katzhagenvorstadt erfasst. Der bis in 1,90 m Tiefe in den Niedermoortorf reichende Graben besaß am Nordrand eine hölzerne Uferbesfestigung. Nach Süden (hinten) ist er nicht in voller Breite ausgegraben. Foto: Thomas Budde
Peine. In der Zeit zwischen April und November 2017 wurden im Auftrag der Peiner Heimstätte auf den Altstadtgrundstücken Rosenhagen 18 bis 20 archäologische Untersuchungen im Vorfeld der bekannten Neubaumaßnahme durchgeführt. Einschließlich Aushubuntersuchungen zogen sich die Arbeiten bis in das Jahr 2018. Inzwischen stehen die wichtigsten Ergebnisse fest, die aufgrund des Umfangs der Grabungen in zwei Teilen vorgestellt werden sollen. Dies teilt die Stadt Peine mit.

Hier solle zunächst über die Ausgrabungen im Hinterhofbereich der drei Grundstücke berichtet werden. Zu Beginn habe ein geringmächtiger Bodenabtrag zunächst keine archäologischen Erkenntnisse gebracht. Die auf dem Niedermoor der Hagenriede angelegte Katzhagen-Vorstadt – so hieß der Rosenhagen in früherer Zeit – sei durch Kies- und Sandanschüttungen für die Nutzung erschlossen worden und im Hinterhof würden die obersten Schichten und Befunde meist aus dem 19. bis 20. Jahrhundert stammen.

Grabeneinfriedung sollte vor Hochwasser schützen

An drei Stellen des Hinterhofs wären tiefere Erdarbeiten nötig gewesen. Diese hätten jeweils reichliche Funde und Erkenntnisse gebracht. Ab einer gewissen Tiefe wären die Arbeiten allerdings ständig durch nachsickerndes Grundwasser aus dem Moorboden erschwert worden, das Grundwasser habe abgepumpt werden müssen. Inmitten des Hinterhofs von Grundstück Nummer 20 sei erstens ein etwa zwei mal zwei Meter großer Bereich für eine Rigole untersucht worden. Hierbei habe sich in unerwartet großer Tiefe von 1,60 bis 1,90 Meter unter jünger-neuzeitlichen Anfüllungen eine Uferbefestigung aus Eichenpfosten und Brettern gezeigt. Bei dem hier erfassten, in das Moor eingetieften Graben handele es sich zweifellos um die alte Grabeneinfriedung der Katzhagenvorstadt, die noch auf den ältesten Peiner Stadtplänen des 18. Jahrhunderts verzeichnet sei.

Sie sollte den Stadtteil offenbar vor den Hochwassern der Fuhse schützen. Besonders in der unteren, sandigen bis torfigen Anfüllung wären zahlreiche Funde zutage gekommen, die für eine Aufgabe des Grabens um 1700 beziehungsweise in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sprechen würden. Auf dem Stadtplan von H.F. Deichmanns von 1787 sei neben diesem alten Graben nördlich davon ein neuer Graben verzeichnet. Die Funde würden somit beweisen, dass die Grundstücke des Rosenhagens im frühen 18. Jahrhundert deutlich nach Norden in das Moor hinein erweitert worden seien. Die enorm langen Parzellen seien inzwischen allerdings durch den Bau der Westumgehung in den 1970er Jahren wieder gekappt worden.

Allerlei Alltagsgegenstände 

Das Fundmaterial aus dem Graben setze sich zusammen aus großen Mengen zerscherbter Haushaltskeramik, darunter glasierte, häufig bemalte Irdenware und viel Steinzeug, aber noch kein Porzellan, Ofenkachelfragmenten, Dachziegeln, Schuhresten aus Leder, Tierknochen, darunter auffallend viele Rinderhörner, wenigen Metallgegenständen, darunter ein Rasiermesser, sowie Resten von Glasgefäßen. Wichtig für die Datierung sei ein Oberteil einer großen Glasflasche mit einem Glassiegel. Es zeige das Sachsenross mit der Umschrift „Remigio altissmi“ („nach dem Willen des Höchsten“), dem Wahlspruch der Braunschweiger Herzöge, den vor allem der Herzog Rudolf August (1666 – 1704) verwendete. Die Flasche sei um 1700 zu datieren. Von kunstgeschichtlicher Bedeutung sei ein reich verzierter Knochengriff einer Gabel oder eines Spießes, der noch aus der Renaissance (16./17. Jh.) stammen dürfte.

Ein Flaschenoberteil mit einem Glasiegel des Herzogs von Braunschweig-Lüneburg und Wolfenbüttel aus der Zeit um 1700 ist ein wichtiger Datierungshinwies für die sehr fundreiche Grabenfüllung. Foto: Thomas Budde

Erster Nachweis für Gerberei in der Stadt Peine

Drei Meter hinter dem Vorderhaus Nummer 18 sei in geringer Tiefe die Holzkonstruktion einer 3,20 mal 2,40 Meter großen Gerbergrube zutage gekommen. Diese wäre an drei Seiten durch Eichenbohlen und –balken eingefasst gewesen, an der nördlichen Stirnseite durch eine Backsteinmauer, die aber eine ältere Holzkonstruktion ersetzte. Die ebene Sohle der 60 Zentimeter tiefen Grube sei durch den natürlich anstehenden Niedermoortorf gebildet worden, die Seitenwände wurden durch Holzstaken gestützt. Die Füllung habe aus stark holzkohlehaltigem Erdreich bestanden, das stark mit Bruchmaterial neuzeitlicher Dachziegel (Krempziegel) sowie mit Lederresten von Schuhmachern angereichert war. Eingelagerte Keramik- und Kleinfunde datieren in das 18. bis 19. Jh. Die Gerbergrube müsse somit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts genutzt worden sein. Es handele sich um den ersten archäologischen Nachweis für Gerberei in der Stadt Peine. Dieses „dreckige“ und geruchsintensive Handwerk wurde meist an den Stadträndern angesiedelt, so auch hier. Hinter der ausgegraben Gerbergrube habe sich Form von Holzresten eine weitere angedeutet, die aber nicht durch die Bauarbeiten gefährdet war.

Fundstücke können Handwerker zugeordnet werden

Zwischen der Gerbergrube und der Hinterhauswand Nummer 18 wurde anschließend an der Stelle eines späteren Leitungsgrabens ein 2,80 Meter langer und 1 Meter breiter Suchschnitt angelegt und bis auf den anstehenden Niedermoortorf in 1,40 Meter Tiefe untersucht. Dabei habe eine fünfphasige Besiedlungsabfolge festgestellt werden können: Über einer modernen Anfüllung sei ein Nutzungshorizont des 19. bis 20. Jahrhunderts gefolgt, darunter eine Feldsteinpflasterung, die mit der Gerbergrube (der 1. Hälfte des 19. Jh.) in Zusammenhang stehe. Es folge eine Schicht, die dicht mit zahlreichen Abfällen einer Schuhmacherwerkstatt (Schuhteile, Lederreste, Schuhleisten, Schuhnägel, Schusterahlen) angefüllt war und wichtige Aussagen über die damals ganz aus Leder bestehenden Schuhe ermöglicht. Eine Brandenburgische 6 Pfennig-Münze von 1711 und die Inschrift „1708“ auf dem Stiel einer weißen Tonpfeife – einem von auffallend vielen Tonpfeifenresten – würden die Lederreste überraschend exakt datieren. Sie könnten sogar einem bestimmten Handwerker zugeordnet werden: 1710 habe laut der Häuserchronik des Stadtarchivs (Wiedenroth 1978) der Schuhmachermeister Hanß Busse in dem heutigen – beziehungsweise 2017 abgerissenen – Fachwerkhaus Nummer 18 gelebt. Bis 1841 seien Schuhmacher und Riemenmeister auf dem Anwesen geblieben, die nebenbei auch das benötigte Leder, wie die Gerbergrube zeige, selbst herstellten. Zu den Funden gehöre noch eine zylindrische Messingdose aus zweilagigem Blech mit zwei kleinen Öffnungen. Vielleicht auch ein Schuhmacherutensil doch habe sie zuletzt offenbar als Aschenbecher gedient.

Zwischen den Überresten der Schuhmacherwerkstatt fand sich auch eine seltsame doppellagige Blechdose mit unbekannter Funktion, die zuletzt offenbar als Aschenbecher genutzt worden ist. Um 1710. Foto: Thomas Budde

Die darunter folgende, direkt auf dem Moorboden aufliegende Sandschicht sei als Gründungshorizont des Katzhagens anzusprechen. Sie habe neben weiteren Lederschuhresten einen vergoldeten Fingerhut enthalten, der ebenfalls gut zum Schuhmacherhandwerk passe und eine nur 16 Milimeter breite kupferne 1-Flitter-Münze der Stadt Braunschweig von 1620 enthalte. Dieser Fund sei wie viele weitere der laufenden Unterstützung durch den Lengeder Jens Heuer mit dem Metalldetektor zu verdanken. Da die Münze zudem in unmittelbarer Nähe der Schwellenfundamente des ältesten Vorgängerbauses von Haus-Nummer 18 gefunden wurde, liefere sie einen wichtigen Hinweis auf die bisher nicht genau bestimmte Gründungszeit des Katzhagens. 

Eine kupferne 1-Flitter-Münze (Dm. 16 mm) von 1620 aus der untersten Siedlungsschicht liefert eine wichtigen Hinweis auf die Gründungszeit des Katzhagens. Auf der Rückseite ein „B“ und der Braunschweiger Löwe deuten auf Braunschweig als Prägeort. Foto: Thomas Budde

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