NGG warnt vor Tarifflucht – Appell an 2.600 Betriebe

15. Mai 2019
"Win-Win-Situation für Beschäftigte und Chefs: Tarifverträge bringen nicht nur mehr Geld und Urlaubstage. Sie nutzen auch den Unternehmen – ihre Mitarbeiter sind im Schnitt besser qualifiziert und engagierter im Job", so die NGG. Foto: NGG
Peine. Schlechtere Bezahlung, längere Arbeitszeiten, weniger Urlaub: Beschäftigte, die im Landkreis Peine in einem Unternehmen arbeiten, in dem kein Tarifvertrag gilt, sind im Job klar benachteiligt. Darauf weist die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hin. Nach Einschätzung der NGG hält sich nur noch ein Teil der rund 2.600 Betriebe im Landkreis an Tarifverträge.

Das hat auch Folgen für die Unternehmen selbst, warnt Gewerkschafterin Katja Derer: „Tariflose Firmen haben in puncto Motivation und Produktivität der Mitarbeiter meist schlechtere Karten. Auch die Suche nach Fachkräften fällt ihnen schwerer“, so die Geschäftsführerin der NGG Süd-Ost-Niedersachsen-Harz mit Blick auf aktuelle Studien der Hans-Böckler-Stiftung.

Derer ruft die Firmen in der Region dazu auf, sich zur Sozialpartnerschaft und zur Mitbestimmung zu bekennen. „Gerade beim digitalen Wandel der Arbeitsplätze muss man die Belegschaften mitnehmen. Gewerkschaften und Betriebsräte sichern nicht nur Jobs. Sie helfen auch dabei, die Zukunft zu gestalten – von neuen Arbeitszeitmodellen bis hin zur Weiterbildung der Mitarbeiter.“

„Die Tarifflucht greift um sich“

Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) arbeiteten zuletzt 57 Prozent der Beschäftigten in Niedersachsen in einem Betrieb mit Tarifvertrag. In ganz Westdeutschland liegt die Quote ebenfalls bei 57 Prozent – im Jahr 2000 waren es noch 70 Prozent. Nach Beobachtung von Gewerkschafterin Derer greift die „Tarifflucht“ auch im Kreis Peine um sich: „Immer mehr Betriebe versuchen, sich um Tarifverträge zu drücken. Damit setzen sie bewährte Standards aufs Spiel und bieten ein Einfallstor für Dumping-Konkurrenz.“ Besonders niedrig ist die Tarifbindung nach Angaben des IAB dabei in kleinen Firmen: Nur 26 Prozent der niedersächsischen Betriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern halten sich aktuell an einen Tarifvertrag. In Unternehmen mit mehr als 200 Beschäftigten liegt die Quote hingegen bei 75 Prozent.

Um diesen Trend zu stoppen, macht sich die NGG insbesondere für Flächentarifverträge stark. So verhandelt die Gewerkschaft etwa für das Gastgewerbe und das Bäckerhandwerk in ganz Niedersachsen. „Dabei zählt aber auch jeder Haustarifvertrag – davon profitieren oft sehr viele Beschäftigte an einem Standort“, so Derer.

„Die Politik ist gefordert“

Zugleich sei die Politik gefordert. Landes- und Bundesregierung sollten sich für eine höhere Tarifbindung einsetzen: „Wer sich um die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft sorgt, muss sich darum kümmern, dass die Tarifpartner gestärkt werden“, sagt Derer. Unternehmen, die im Arbeitgeberverband seien, müssten dazu verpflichtet werden, sich an Tarifabschlüsse zu halten. Außerdem müsse es einfacher werden, Tarifverträge für ganze Branchen verpflichtend zu machen. Davon profitiere am Ende auch der Staat – durch höhere Einnahmen etwa bei der Renten-, Kranken- und Sozialversicherung.

Allerdings ist die Zahl der Tarifverträge, die für alle Betriebe einer Branche per Gesetz gelten, zuletzt stark gesunken. Eine so genannte Allgemeinverbindlichkeit wurde im Jahr 2017 lediglich 25 Mal vom Bundesarbeitsministerium erteilt. Im Jahr 2000 waren es noch 133 Fälle. Das gehe aus einer aktuellen Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken hervor (Bundestags-Drucksache 19/8626).

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